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Eröffnung des Spiegelkabinetts.

Heute eröffne ich das Spiegelkabinett. Treten Sie ein, seien Sie herzlich willkommen. 

Hier sammle ich Notizen und Gefundenes rund um den Spiegel, der uns, als Gegenstand oder Sinnbild, in Bann hält. Ich trage Gedanken und Geschichten zusammen, die von Spiegelbildern, vom Widerspiegeln und vom sich Spiegeln in anderen Menschen, handeln.

 

Ein weites Feld.

Gibt es eine Wissenschaft, in der der Spiegel keine Rolle spielt? Zum Wissen über unsere Gesundheit spiegeln wir den Darm und die Zahnärztin schiebt uns einen kleinen runden Spiegel in den Mund. Wie seine Krümmungen zu berechnen sind lehrt uns die Physik und in der Mathematik werden Ebenen und Achsen gespiegelt, so wie in der Musik die melodischen Linien. Was wäre die Astronomie ohne Spiegelteleskop? Kleine Tiere werden im Spiegelmikroskop untersucht, größere dem Spiegeltest unterzogen. In der Antike, der Geburtsstunde der abendländischen Philosophie, widmete sich Platon hingebungsvoll den Spiegelungen und schuf das Liniengleichnis, ein Werk um Wahrnehmung und Erkenntnis. Der Politik wird der Spiegel vorgehalten und bei Schriftstücke und Zeitschriften ist das fallweise in ihrem Namen ersichtlich.

Die Psychologie bedient sich mythologischer Geschichten und da gibt es nicht wenige in denen der Spiegel oder eine Spiegelung von Bedeutung sind. Zu besonderer Berühmtheit hat es die um Narziss gebracht, welche Ovid in den Metamorphosen vor 2010 Jahren geschrieben hat und die aktuell ist wie eh und je.

 

Die ergiebigsten Quellen zu diesem Thema finden sich in der Kunst, im Brauchtum und in den Mythen. Und nicht zu vergessen in den Märchen. Davon will ich ein Erbauliches an erste Stelle stellen:

»Das häßliche Entenküken« von H.C. Andersen.

Andersen schrieb Kunstmärchen, die nicht öfter als hin und wieder einen erfreulichen Abschluss fanden. Das hässliche Entlein ist eine Entwicklungsgeschichte, in der sich alles nach einer langen Reise durch Isolation, Missachtung, Entwertung und Depression zum Besseren wendet.

Ergriffen von der Sehnsucht nach diesen fantastischen Tieren, die ihm nicht mehr aus dem Kopf gehen wollten, nahm es seinen ganzen Mut zusammen und schwamm zu den prächtigen Vögeln.

».... und neigte den Kopf bis auf die Wasseroberfläche hinab und wartete auf den Tod – aber was sah er da im klaren Wasser? Er sah unter sich sein eigenes Bild, aber es war nicht mehr ein unbeholfener, schwarzgrauer Vogel, garstig und scheußlich, es war selber ein Schwan.«

Möge das Leben viele solche Geschichten hervorbringen, die von Selbsterkenntnis gepaart mit Mut geprägt sind.